Aufzeichnungen aus einem Totenhause

1849 wird Dostojewskij wegen Vaterlandsverrates verhaftet. Sein Vergehen erscheint aus heutiger Sicht unbedeutend- er hatte lediglich dem Diskussionszirkel um Petraschewski, einem in Petersburg aktiven Frühsozialisten angehört. Doch zur Zeit der Revolution 48/49 war jede öffentlich geführte kritische Diskussion über Zar Nikolais Regierung und Gesetze wie z.b. über die Regelungen der Leibeigenschaft eine Straftat. Nachdem Dostojewskij und die übrigen „Petraschewsken“ sich geweigert hatten einander in Verhören zu belasten, wurden sie vor ein Militärgericht gestellt und in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Schon auf dem Schafott angelangt, die Augen verbunden und mit dem Leben abgeschlossen wurde Dostojewskij begnadigt und seine Strafe umgewandelt in vier Jahre Katorga (Zuchthaus) und weitere vier Jahre Militärdienst als einfacher Soldat.

Genau zehn Jahre später, 1859, kehrt Dostojewskij nach Petersburg zurück und veröffentlicht die während der letzten Jahre verfassten Werke „Onkelchens Traum“ und „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“.

Doch sie werden von der Kritik missachtet, Nekrassow, der Herausgeber der berühmten Zeitschrift „Der Zeitgenosse“ bezeichnete Dostojewskij sogar als „völlig erledigt“ und „ausgebrannt“.

Mit dem Vorhaben die Erlebnisse seiner sibirischen Gefangenschaft in einem Buch zu veröffentlichen, stellte sich Dostojewskij nun einer alles entscheidenden, seine Existenz als Schriftsteller bestimmenden Prüfung.

Er musste ein breites Publikum begeistern und seine Bedeutung als Autor zurückerobern, ohne aber dabei seine Kunst und vor allem sich selbst zu verleugnen, denn eine bloße Zurschaustellung, Trivialisierung der prägenden Erlebnisse in Haft hätte psychologische Selbstverstümmelung bedeutet; ihm wäre finanziell weitergeholfen gewesen, doch seine Selbstachtung hätte gelitten.

Weiter musste er seine Aufzeichnungen so verfassen, dass sie nicht der Zensur anheimfallen oder sogar den Apparat ein weiteres mal gegen ihn gerichtlich aktiv werden läßt.

Dieses Zwiespaltes vollauf bewusst, machte er sich ans Werk und schuf eines seiner ergreifendsten Bücher. Veröffentlicht wird der erste Teil 1860.

 

Wir schlüpfen in die Rolle des Adligen Alexander Gorjantschikow. Wegen Mordes an seiner Frau wurde er zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt und in Festungshaft nach Sibirien verschickt.- Zwar lesen wir in der Exposition, dass seine Aufzeichnungen als ein Teil seiner Hinterlassenschaften in Form vieler loser Hefte von einem interessierten Städter erstanden werden, welcher sie uns sozusagen vorliest, doch tritt diese Person schnell zurück und erscheint schließlich als nichts weiter als ein Indiz für Dostojewskijs Angst, von der Zensur formal zu sehr mit den Inhalten des Buches in Verbindung gebracht zu werden.-

Wie er selbst, so wird auch der Leser am Anfang mit einer völlig neuen Welt konfrontiert. Die schrecklichen Bedingungen, die brutalen primitiven Menschen, die schwere Arbeit, die deprimierende Hoffnungslosigkeit ect... aber auch die mitunter märchenhaften kleinen Anekdoten und Situationen erleben wir mit gleicher Überraschung wie unser Held. Dabei steigert Dostojewskij diese Wirkung fast ins fantastische da er doch unseren Helden zum Weihnachtsfest im Gefängnis ankommen lässt. So beschäftigt sich der erste große Teil des Buches ausschließlich mit dem ersten Monat der Häftlingszeit.

Nur nebenbei bemerkt, Dostojewskij erweist sich hier ein weiteres mal als genialer Realist und vor allem Psychologe. Es ist mehr als beeindruckend, wie er Topographie des Gefängnisses und Innenleben der Häftlinge gegenüberstellt. Die Beobachtungen unseres Helden erscheinen stellenweise paradox, kann es doch keine sanftmütigen Mörder geben, doch Seite für Seite sensibilisiert uns Dostojewskij und lässt uns verstehen, dass jeder Mensch eine ruhige Mitte in sich trägt und erhebt uns über die Dogmen einer falsch verstandenen Ethik.

Der zweite und letzte Teil beschreibt in einer starken dramaturgischen Raffung den Rest der Häftlingszeit, also fast zehn Jahre.

In ähnlicher Manier fährt Dostojewskij fort, zeigt wie unser Held sich einlebt, wie er lernt zu bestehen, wie er seine Position bezieht und bringt uns eine Art von Menschlichkeit nahe, welche bis jetzt ein Novum in der Weltliteratur darstellen dürfte. Dabei wird keine Kritik laut ausgesprochen, unserem Herzen wird es überlassen zu verstehen, was Menschlichkeit bedeutet.

Dostojewskij hat in der Katorga seinen Glauben wiederentdeckt und so können auch wir in seiner Literatur unseren Glauben wiederentdecken.

 

„Man denke sich einen großen Hof, zweihundert Schritte lang und hundertfünfzig Schritte breit, ringsum in Form eines unregelmäßigen Sechsecks umgeben von einem Zaune aus hohen, senkrecht stehenden Pfählen, die tief in die Erde gegraben, mit den Kanten fest aneinander gefügt, durch Querplanken noch mehr befestigt und oben zugespitzt sind: das ist die äußere Einfriedung des Gefängnisses... Wenn man in die Einfriedung hineinkommt, erblickt man innerhalb derselben mehrere Gebäude. Auf beiden Seiten des weiten inneren Hofes ziehen sich zwei lange, einstöckige Blockhäuser hin. Das sind die Kasernen. Hier wohnen die Gefangenen; sie sind in einzelnen Abteilungen untergebracht...“

 

Von diesem Buch liegt leider keine Übersetzung von S. Geier vor. Wegen der vielen Erläuterungen und wegen des überzeugenden Preises ist hier „Reclam“ zu empfehlen.